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Öffentlichkeit Notschistans
#7

Ich heiße Amina Sadiq. Jeden Morgen wache ich auf, bevor die Sonne richtig aufgeht, weil das Wasser nur für kurze Zeit aus dem Hahn kommt und ich die Zeit nutzen muss, solange es fließt. Mein kleiner Sohn Hassan schläft noch, sein Gesicht ist weich und vertrauensvoll - als könnte ein Kinderglück die Welt retten. Ich koche das Wasser auf dem alten Gasherd, das Zischen klingt so vertraut wie ein Gebet. Draußen hört man schon die Händler auf dem Markt rufen, aber ihre Stimmen klingen dünn, nicht voller Leben, eher wie Menschen, die etwas verkaufen müssen, um durch den Tag zu kommen.

Früher hatte ich das Gefühl, das Dulənşe weiter weg liegt als nur eine Stunde Busfahrt - als läge es in einer anderen Welt. Jetzt ist die Stadt selbst fremd geworden: hier flackern die wenigen Straßenlaternen, die Schule meines Sohnes hat kein Papier mehr und die Ärztin in unserem Dorf sagt, es fehle an wichtigen Medikamenten. Manchmal setze ich mich einfach auf die Treppe vor unserem Haus und schaue auf die Berge. Die Stille ist nicht beruhigend, sie ist schwer und wartet auf etwas - auf Regen, auf Hilfe, auf eine Entscheidung, die das Leben wieder leichter machen könnte.

Die Menschen reden nicht mehr nur über Preise und Lebensmittel. Sie reden über Scham. Wenn ich einkaufen gehe, treffe ich Nachbarinnen, deren Kinder dünner geworden sind, deren Männer abends mit leerem Blick nach Hause kommen, weil die Arbeit weggebrochen ist. Wir tauschen kaum noch Worte, ein kurzer Blick sagt alles: Wir schaffen das nicht mehr allein. Und doch sind wir stolz. Wir reden nicht laut über das, was fehlt; wir versuchen, es zu reparieren, zu flicken, zu improvisieren. Eine Lehrerin kommt aus der nächsten Stadt und bringt uns hin und wieder Kreide, wie ein kostbares Geschenk. Ich habe sie einmal weinen sehen, als sie erzählte, sie habe heimlich Kopien von Schulmaterialien gemacht, damit die Kinder wenigstens etwas zu lesen haben. Ihre Hände zitterten.

Dann kam die Nachricht, dass die Grenzen zu Andro geschlossen seien. Anderswo hätte ich vielleicht gedacht: Gut, schützt euch, schützt eure Sicherheit. Hier jedoch hieß das: keine Vorräte mehr aus Andro, keine Medizintransporte, die immer Hilfe gebracht hatten. Die Händler sagten, die Preise werden steigen, die Vorräte werden knapp. Ich habe Hassan angesehen und mir vorgestellt, wie es ist, nicht sicher zu wissen, ob man ihm seine Medizin gegeben könnte, wenn er sie braucht. Das Gefühl im Magen war wie kalter Stein.

Die sozialen Medien füllen sich jetzt mit Bildern: leere Regale, Menschen, die an Brunnen warten, Lehrerinnen, die versuchen, irgendwie zu unterrichten. Das war der Funke. Zuerst dachte ich, meinetwegen, das ändert doch nichts, wenn ich mitgehe. Aber dann hörte ich die Namen: Kollegen meines Bruders, Nachbarinnen, die seit Wochen eigenes Essen verteilten. Es war nicht mehr abstrakt. Es war persönlich.

Am ersten Tag der Proteste war ich zögerlich. Ich zog ein abgetragenes Kleid an, band mir ein Tuch um den Kopf und nahm Hassan mit - er hielt meine Hand, zu schwer für sein Alter, zu klein für sein Gewicht. Die Menge war größer, als ich erwartet hatte: Frauen, Männer, Alte, Jugendliche - alle mit denselben Fragen in den Augen. Wir sangen nicht, wir schrien nicht. Wir standen da, hielten Plakate und riefen: Zugang für Hilfe! Transparenz! Leben vor Politik!

Als die ersten Reihen sich in Bewegung setzten, spürte ich, wie etwas in mir sich löste. Angst war da, aber auch Wut und eine langsame, tiefe Entschlossenheit. Ich dachte an die Lehrerin und an Hassan, an die Frau, die mir gestern eine Portion Suppe gab, weil ihr Vorrat größer war als meiner. Wir forderten nicht Luxus, nur Würde und das Recht auf Versorgung. Als wir auf die Hauptstraße traten, wusste ich, dass dies kein Protest aus Wut allein war, sondern ein letztes Aufbäumen einer Gemeinschaft, die nicht länger schweigen konnte.

Ich weiß nicht, was morgen passiert. Vielleicht werden Straßen mit Barrikaden gesperrt, vielleicht gibt es Gespräche, vielleicht wird alles wieder wie zuvor. Aber heute, inmitten der Stimmen und der stillen, stummen Blicke, in der Wärme von Hassans kleiner Hand in meiner, fühlte ich zum ersten Mal seit Monaten, dass wir nicht ganz verlassen sind. Das ist ein Anfang - zart, verletzlich, aber echt.
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Öffentlichkeit Notschistans - von Informationsdienst - 12.02.12025, 00:54
RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Daria Pavlovna Kravtsova - 12.02.12025, 01:18
RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Daria Pavlovna Kravtsova - 14.02.12025, 13:22
RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Daria Pavlovna Kravtsova - 02.03.12025, 11:39
RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Daria Pavlovna Kravtsova - 14.08.12025, 22:09
RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Dimitri Walerjewitsch Petrakow - 12.09.12025, 20:24
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RE: Öffentlichkeit Notschistans - von Erzähler - 11.01.12026, 00:50

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