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Han Seoryeong
#1

Sie stammt aus dem südöstlichen Binnenland Baeyeos, aus einer Gegend, die in offiziellen Reden nur als „Versorgungsraum“ auftaucht. Reisfelder, kleine Werkstätten, eine Provinzstadt ohne Bedeutung. Ihr Vater arbeitet zeitweise für staatlich konzessionierte Betriebe, verliert diese Anstellung nach einer Umstrukturierung und wird in ein Geflecht aus Leiharbeit und Schulden gedrückt. Die Monarchie ist für ihn kein Feindbild, sondern eine ferne, gleichgültige Macht. Genau diese Gleichgültigkeit prägt Seoryeongs frühe Wahrnehmung von Staatlichkeit.

Ihre Mutter stirbt, als Seoryeong zwölf ist. Kein Skandal, keine politische Dimension, nur ein Krankenhaus, das rationiert, und ein Formular, das zu spät kommt. Zurück bleibt eine Familie, die lernt, dass Leid kein Ausnahmezustand ist, sondern ein normaler Bestandteil des Systems.

Seoryeong besucht eine staatliche Schule, gut organisiert, streng, loyal zur Krone. Sie ist leistungsstark, unauffällig, diszipliniert. Ihre Lehrer beschreiben sie als „ernst“ und „prinzipientreu“. Erst an der Universität, wo sie Verwaltungswissenschaften studiert, stößt sie auf marxistische Texte, nicht als Parolen, sondern als Analysewerkzeuge. Klassen, Produktionsverhältnisse, strukturelle Ungleichheit. Es ist kein Erwachen, eher ein Wiedererkennen. Die Begriffe geben dem eine Sprache, was sie längst gesehen hat.

Sie schließt sich keiner Partei an. Stattdessen arbeitet sie in Bildungsinitiativen, organisiert Lesezirkel, hilft Gewerkschaften bei rechtlichen Fragen. Ihre Radikalisierung ist leise, methodisch, beinahe bürokratisch. Genau das macht sie gefährlich. Während andere vom Sturz der Monarchie sprechen, spricht sie von Eigentumsverhältnissen, von Machtkonzentration, von der Illusion politischer Teilhabe im Rahmen eines Systems, das sie strukturell ausschließt. 

Nach der nächsten Wahl, deren Ausgang bereits vorgezeichnet ist, wird sie zur Stimme des Aufstands. Nicht als charismatische Demagogin, sondern als moralische Instanz. Han Seoryeong verkörpert den kommunistischen Anspruch, dass Geschichte nicht von Helden gemacht wird, sondern von Klassen – und dass manchmal eine einzelne Person genügt, um diesen Gedanken unausweichlich zu machen.

Han Seoryeong
Wo Eigentum herrscht, ist keine Freiheit.
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